Knappenverein Glückauf-Südkamen 1901

Deutschlands schwerstes Grubenunglück

Es geschah vor 71 Jahren!

Am 20. Februar 1946 ereignet sich in Bergkamen auf der Schachtanlage Grimberg 3/4 Deutschlands schwerstes Grubenunglück.
405 Bergleute kommen ums Leben, nur 64 können gerettet werden.

Die Wucht der Explosion war so stark, dass über Tage die Schachthalle einstürzte. Eine 300 Meter hohe Stichflamme schlug aus dem Schacht. Die Bunkeranlagen und Seilfahrtaufgänge wurden zerfetzt, das Strebengerüst beschädigt und die Schachteinbauten mit den Fördereinrichtungen völlig zerstört. Der Seilfahrtkorb jagte in den Turm und wurde auf ein Drittel seiner ursprünglichen Höhe zusammengestaucht.

Aufgrund der gewaltigen Druckwelle kam es sogar über Tage zu Opfern. Drei Arbeiter wurden von umherfliegenden Trümmerteilen erschlagen. Es gab damals kaum eine Familie, die nicht von dem Unglück betroffen war. Unter den Todesopfern befanden sich auch drei Offiziere der britischen North German Coal Control (NGCC). Die Söhne englischer Bergwerksbesitzer interessierten sich damals für einen modernen Kohlehobel, der auf Grimberg 3/4 eingesetzt wurde.

Friedrich Hägerling erinnerte sich an die Stunden der Angst.

Friedrich Hägerling, der Letzte der wenigen Bergleute die das Unglück überlebten,
verstarb im November 2013 im Alter von 91 Jahren!

Die damaligen Bilder aus Chile von der Rettung der Bergleute und von den weinenden Frauen trafen mich tief ins Herz. Ich sah mich dabei. Und meine Frau. Ich kann wieder riechen und spüren, wie es damals war und die eigenen Bilder kommen zurück in meinem Kopf." Die Bilder sind in schwarz-weiß und gehören zu Friedrich Hägerling, geboren 1922, und der letzte Überlebende von Deutschlands schwerstem Bergwerksunglück.

Hägerling arbeitete am 20. Februar 1946 in fast 1000 Meter Tiefe an der Kohle, als sich eine gewaltige Explosion ereignete.Da war dieser unglaublich laute Knall. Im nächsten Moment flog alles durch die Gegend. Die Luft war voller Kohlenstaub und so schwarz, dass wir unsere Lampen nicht mehr sahen. Erst haben wir gar nicht begriffen, was da los war. Und diejenigen von uns, die noch laufen konnten, schleppten die Verletzten."

"Ich kannte mich ja nicht wirklich aus in der Grube. Du fährst zwar jeden Tag mit dem Korb runter, gehst an die Kohle und fährst wieder nach oben. Wo die Stollen und Nebenstollen verlaufen, weißt du aber nicht." Aber Hägerling wusste, dass er raus will. Spätestens nachdem sich der Staub gelegt hatte, war allen klar, dass sich unweit von ihnen ein schweres Unglück ereignet haben musste.

Furcht, dass der Stollen einstürzen könnte, hatte er damals nicht. Allenfalls könnte die Luft knapp werden, durch das Feuer.Was die Männer damals noch nicht wissen ist, dass viele von ihnen niemals geborgen werden können und sie ihr ewiges Grab in der Unglücksgrube von Bergkamen finden würden. Insgesamt kamen 405 Menschen ums Leben. Nur 64 der 466 Mann starken Frühschicht überlebten.

"Lasst mich nicht zurück"

Wir müssen nach oben", ruft Hägerling seinen Kumpels zu, er spürt, dass dies die einzige Möglichkeit ist, um in Sicherheit zu gelangen. Einige wollen bleiben und auf dem Streb auf Rettung warten. Schließlich entscheiden sich Hägerling, sein Kumpel Erwin und der Steiger Georg, einen Weg zu suchen.

"Über Leitern konnte man von einem Absatz zum anderen steigen, immer höher. Ich wollte an die Luft und hatte die Hoffnung, oben einen Weg zu finden, über den wir in die Freiheit gelangen könnten." Er ist von dem Ziel besessen, rauszukommen – bis ans Tageslicht. Stufe für Stufe tastet er sich nach oben, bis es nicht mehr weiter geht. Das Licht funzelt nur noch. Nur Erwin und Georg haben noch Lampen, und bestehen darauf, umzukehren.

Friedrich Hägerling können sie von ihrem Vorhaben nicht überzeugen. Hägerling glaubt sich derweil im Dunkel auf der Leiter in die Höhe zu tasten, doch tatsächlich sind es die schmalen Schellbänder der Versorgungsleitungen. Und nicht er steigt weiter in die Höhe, es sind seine Begleiter, die ihn verlassen, bis das Licht immer schwächer wird.

"Ich habe geflucht, ich habe gejammert und gerufen 'Lasst mich nicht im Stich. Ich habe kein Licht. Lasst mich nicht zurück. Hier ist doch frische Luft, lasst uns hier bleiben'. Dann war ich ganz allein. Um mich herum war es nur schwarz." Hägerling wird seine Begleiter nie mehr wieder sehen. An einem Querbalken geklammert, in einer Höhe, die er nicht einmal ahnen kann, schwebt er über einem dunklen Abgrund und ist in diesem Moment der verlassenste Mensch der Welt.

Schreckliche Angst ergreift ihn, auch Verzweiflung und Wut. An einen Abstieg ist im Dunkeln nicht mehr zu denken. "Nach einer endlos langen Zeit des Wartens hatte ich abgeschlossen mit dem Leben. Ich wusste, hier komme ich nicht mehr raus. Alle Namen, die mir einfielen, sagte ich laut vor mir her, um mich von den Personen zu verabschieden. Auch von meinen Lieben zu Hause."

Rettung naht

Währenddessen beginnen die Rettungsarbeiten. Sie sind ein Wettlauf mit der Zeit. Die Helfer müssen mit Nachexplosionen rechnen, überall liegen zum Teil verstümmelte Leichen. Immer wieder breiten sich Brände aus. Grubenwehren aus den umliegenden Städten rücken an und können über den Schacht Kiwitt zu den Eingeschlossenen vordringen.

Zu dieser Zeit betet Hägerling zu Gott und fleht, er möge gerettet werden. Viele weitere Stunden vergehen. Er ist bereits von Sinnen, als er glaubt, eine Stimme zu hören. "Ich dachte, jetzt ist aus mit mir, ich höre schon die Engel singen. Aber dann werde ich wach und höre tatsächlich jemanden rufen: 'Ist hier noch einer?' 'Ja, der Hägerling', gab ich zurück. 'Bist du es Fritz?' Das war der andere Steiger, der König. 'Du bist gerettet', gab er mir zur Antwort und von da an weiß ich nichts mehr." Das ist die 30. Stunde nach der Explosion.

Friedrich Hägerling fällt in diesem Moment in Ohnmacht und erwacht erst Stunden später, als er gewaschen wird. An seine ersten Gedanken nach der Rettung kann er sich nicht mehr erinnern. Von knapp hundert Kumpeln auf seinem Streb ist er der einzige, der die Katastrophe überlebt. Erwin stürzt beim Abstieg in den Tod. Hägerling glaubt sich später an dessen Todesschrei erinnern zu können. Von Georg wird nur noch der verkohlte Leichnam gefunden. Er kann anhand seiner Steigerausrüstung identifiziert werden. Auch Hägerlings Onkel Karl, der nur wenige Meter neben ihm schuftet, wird nur noch tot geborgen.

Rechtfertigung fürs Überleben

Dass Hägerling der Einzige von seiner Truppe ist, der überlebt, ruft die damalige britische Militärverwaltung auf den Plan. Diese hat ohnehin mit der als "gering" eingeschätzten Arbeitsleistung der Bergleute zu tun. Die Ermittler gehen zunächst davon aus, Hägerling habe sich vor der Arbeit gedrückt, habe sich im Schacht versteckt und sei deshalb nicht wie die anderen Kumpels ums Leben gekommen.

Seine detaillierte Zeugenaussage führt schließlich zu einem Freispruch; die Ermittler lassen ihre Anschuldigungen fallen. Schon zwei Wochen später fährt Friedrich Hägerling wieder in den Schacht. Sein neuer Arbeitsort ist die Zeche Monopol.

Ich habe so viel Glück gehabt im Leben", erzählt der letzte Überlebende des größten Grubenunglücks in der deutschen Geschichte, "dass ich es gerne auf viele weitere Leben aufgeteilt hätte. Doch das liegt nicht in meiner Hand."

Das Ehrenmahl

Gerade 10 Monate nach Ende des 2. Weltkriegs setzte überregional eine Spendenwelle für die Hinterbliebenen ein. 2,8 Millionen Reichsmark kamen zusammen. Die Hälfte davon war ausgegeben – je 3000 RM an die rund 300 Witwen und 600 RM an jedes Kind – als die Währungsreform den Restbetrag über Nacht auf 140 000 DM zusammenschrumpfen ließ.

Foto: derwesten.de Genau sechs Jahre nach dem Unglück wurde am 20. Februar 1952 auf dem damaligen neuen Kommunalfriedhof in Weddinghofen (heute der Waldfriedhof am Südhang) Foto: derwesten.dedas neun Meter hohe Mahn- und Ehrenmal eingeweiht. Der dreieckige Turm zeigt vorn links einen Bergmann, der sich auf einer Hacke stützt, und vorn rechts eine Bergmannsfrau, die tröstend ihr Kind hält. Auf der dem Wald zugewandten Rückseite sind die Namen aller Todesopfer eingemeißelt worden. Das Denkmal versinnbildlicht den Schachtturm, durch den die Bergleute eines Tages einfahren und durch ein verheerendes Unglück überrascht werden. Am Fuß des Turms befindet sich ein Sarkophag mit den Symbolen des Bergmannberufs „Schlägel und Eisen” mit aufgelegtem Lorbeer.

Die komplette Festschrift zur Einweihung am 20. Februar 1952 kann man sich HIER ansehen.




Das heutige Denkmal auf dem Waldfriedhof Bergkamen.

Foto: derwesten.deFoto: derwesten.de

An jedem Jahrestag des Grubenunglücks findet hier eine Gedenkfeier zur Ehren der Verunglückten statt. Diese Feier wird traditionell von den Weddinghofer Knappen, dem IGBCE und der REVAG initiiert. An der Gedenkveranstaltung beteiligen sich unter anderem Mitglieder der Knappenvereine im dem Knappenbund Kamen-Bergkamen. Nach einer Ansprache spielt ein Trompeter "Der gute Kamerad" und natürlich das Steigerlied.



Montag den 20. Februar 2017
Gedenkveranstaltung zum Grubenunglück Grimberg 3/4 um 10.30 Uhr
auf dem Waldfriedhof Bergkamen-Weddinghofen

 


Feuer im Bergwerk

Tag und Nacht und Schicht um Schicht
unter Mühen und Gefahren,
fern von allem Sonnenlicht
Schaffen brave Knappenscharen.

In den ewig finstern Nächten
fleißig sich die Knappen regen,
und aus tiefen dunklen Schächten
quillt empor der schwarze Segen.

Brechen aus dem Bauch der Erde,
Voller Schweiß den Zauberstein,
Kohle, dass die Feuer werde,
Riesenkraft und Lichterschein.

Schwarzes Gold, der Menschheit nützend,
drohend Unheil es verkündet,
wenn im Berg der Funke blitzend:
feinen Kohlenstaub entzündet.

Und mit schrecklichen Gewalten,
rasendtoll in Sturmesschnelle,
strömend heiß die Todeswelle,
in das Labyrinth der Stollen.
Stützen brechen, Hölzer brennen,
Todesschreie, Geistergrollen.
Voller Graun die Menschen rennen.

Giftig ist die Luft geladen,
aller Sauerstoff bezwingend.
Dichter schwarzer Kohlenschwaden:
Alles Leben niederringt.

Immer mehr die Stollen füllend,
Todesrausch hernieder schlägt,
Schnell in alle Spalten dringend,
bald kein Leben sich mehr regt.

In noch frischen Stollengängen,
schweigend, weinend, unter Fluchen,
angstvoll sich die Knappen drängen,
einen neuen Weg zu suchen.

Neu das Leben zu gewinnen,
flüchtend wie die wilde Jagd,
um dem Tode zu entrinnen,
in der ewig dunklen Nacht.

Abgehetzt gleich wilden Tieren,
in den Lungen schmerzhaft stechen,
grauenhaft sie um sich stieren:
fast schon ein Zusammenbrechen.

Endlich Retter sie erreichen,
heiß das Leben wieder winkt.
Doch der Berg, die vielen Leichen:
grinsend längst der Tod einfing.

Nie die Sonne wieder scheinet,
ihnen in das Angesicht,
Tief im Massengrab vereinet:
harren sie das Jüngst-Gericht.

Diese traurige Erinnerung an das Unglück am 20.02.1946 auf der Zeche Grimberg 3/4 in Bergkamen/Weddinghofen schrieb ein unbekannter Kamener Bürger.



Grubenunglück auf der Zeche Grimberg 1946
In Dokumentarspiel-Szenen werden die Vernehmungen der Bergleute nach dem Unglück rekonstruiert.
von Detlev Puls

Quelle: YouTube.de

Wohlstand und Leid

Von Stefan Gehre

Der Bergbau hat der Region Wohlstand, hunderten Familien aber auch viel Leid gebracht. An dieser Stelle soll an diejenigen Ehemänner, Väter, Söhne, Enkel und Freunde erinnert werden, die bei der harten Arbeit unter und über Tage ihr Leben verloren haben. Ausbautechnik, Wetterführung und Sicherheitstechnik: Sie alle hatten vor allem in der Anfangszeit des Bergbaus nicht den Standard, den sie heute haben und der dazu führte, dass es auf dem Bergwerk Ost im August 2010 keinen meldepflichtigen Unfall gab.

Zwei der schwersten Grubenunglücke im Ruhrrevier überhaupt gab es im Raum Hamm/Bergkamen. Am 12. November 1908, also nur ein gutes Jahr nach Aufnahme der regelmäßigen Förderung, ereignete sich nach einem Gasausbruch auf der Zeche Radbod in Bockum-Hövel die bis dahin schwerste Schlagwetterexplosion im deutschen Steinkohlenbergbau. Beim dabei entstandenen Grubenbrand fanden 349 Kumpel den Tod.

Noch schlimmer traf es die Zeche Monopol in Bergkamen: Am 20. Februar 1946 verloren 405 Bergleute, darunter drei britische Kontrolloffiziere, bei einer Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion auf der Schachtanlage Grimberg 3/4 ihr Leben. Die meisten Kumpel blieben für immer in der Grube. Es gilt bis heute als das größte Grubenunglück im Deutschland, bei dem durch die Wucht der Explosion sogar die übertägige Schachthalle einstürzte. Dort wurden auch weitere Gebäude zerstört oder stark beschädigt.Die Ursache dieser Katastrophe konnte zwar nicht zweifelsfrei geklärt werden, doch dürfte eine Rolle gespielt haben, dass die Grubendirektion die betriebliche Sicherheit vernachlässigt hatte, um die von der Besatzungsmacht geforderten Höchstleistungsförderquoten zu erreichen. Zeugen wussten zu berichten, dass der Kohlenstaub im gesamten Grubengebäude knöcheltief auf der Sohle lag. Man lief „wie über einen Teppich“. Als sich in der gasreichen Zeche dann eine Methangas-Explosion ereignete, wurde der Kohlenstaub aufgewirbelt und explodierte in einer Kettenreaktion bis zum Schacht. Da die unter Tage wütenden Brände nicht unter Kontrolle gebracht werden konnten, musste die Schachtanlage geflutet werden. Erst sechs Jahre später wurde auf Grimberg 3/4 die Förderung wieder aufgenommen.

Aber auch die anderen Bergwerke in der Region blieben von schweren Unglücken nicht verschont, so auch die Zeche Sachsen in Heessen, wo es bei einer Schlagwetterexplosion am 3. April 1944 169 Tote zu beklagen gab. Das größte Unglück auf Heinrich Robert in Herringen mit 17 toten Bergleuten ereignete sich am 31. Mai 1951. Es sind dies nur vier Beispiele dafür, wie gefährlich die Arbeit unter Tage damals war. Neben den vielen Toten gab es auch hunderte Verletzte. Oft konnten sie danach nie wieder arbeiten. Viele Kumpel starben auch an Folgeerkrankungen wie der heimtückischen Staublunge.

Doch gerade nach Unglücken und Unfällen hat sich in vielen Fällen gezeigt, was die Kumpel über Jahrzehnte hinweg ausgezeichnet hat: Familien, die in Not geraten waren, wurden unterstützt, sei es durch Freunde, Nachbarn oder Verwandte. Und diese Form der Solidarität gibt es bis heute. An die verunglückten Arbeitskameraden im Bergbau erinnern mehrere Ehrenmäler. Sie stehen unter anderem im Neufchâteaupark in Herringen, an der Ermelinghofstraße in Bockum-Hövel, auf dem Friedhof in Bergkamen-Weddinghofen sowie auf dem Dasbecker Friedhof in Heessen. An ihnen und den anderen Gedenkstätten werden bis heute regelmäßig Kränze niederlegt, meist von den ansässigen Knappenvereinen oder der IGBCE.

Quellennachweis
Texte: N-TV.de, DerWesten und WA.de  
Bilder: REVAG.de, Wikipedia.de, Rainer Knäpper

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